Hintergründe zum Niederschlagsdefizit

17.05.2020

Klima war gestern - heute ist Corona.

Der Satz impliziert, dass die eine Krise von der anderen abgelöst wurde. Doch so simpel ist es nicht. Während sich die Medien auf das neue wichtige Thema stürzen, schreitet das andere unbeirrt voran. Fakt ist: Der Klimawandel macht keine Pause.

 

Gartenbesitzer werden es längst bemerkt haben: Das diesjährige Frühjahr geizt mit Niederschlägen. Wie lange die aktuelle Trockenheit andauern wird, lässt sich natürlich nicht absehen. Dabei war der Auftakt ins neue Jahr recht ermutigend: Regen von Anfang Februar bis Mitte März. Rückblickend war das leider nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Droht uns jetzt das dritte Dürrejahr in Folge? Die Frage ist berechtigt, basiert aber auf einer falschen Annahme.

Vor Corona war das Thema 'Trockenheit' in der medialen Berichterstattung ein Dauerbrenner. Und fast immer wurde dabei auf 2018 und 2019 geschaut. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn auch die Jahre davor waren von Niederschlagsarmut geprägt. Daher wäre es falsch, vom potentiell dritten Dürrejahr zu sprechen, denn die Dürre reicht viel weiter zurück. Wie weit, soll nachfolgend beantwortet werden.

Bevor es losgeht, noch eine kurze Vorbemerkung:

Wer sich mit Klima und Wetter beschäftigt,  kommt um Statistiken kaum herum. Um Sie nicht mit stupiden Tabellen zu quälen, haben wir die Daten grafisch aufbereitet und auf das Nötigste reduziert. Zudem gibt es unter jeder Abbildung einen knappen Erläuterungstext, der die wichtigsten Fragen klären soll.

 

Auf unserer Reise in die jüngere Wettergeschichte beginnen wir im Jahr 2020.

Wie Sie vermutlich noch aus eigener Erinnerung wissen, waren die Niederschläge der letzten Monate sehr ungleich verteilt (Abbildung 1). Während im Februar fast dreimal soviel Niederschlag fiel wie gewöhnlich (normale Regenmenge plus 190% Überschuss), waren die Monate April und Mai außergewöhnlich trocken. So fielen beispielsweise im April nur gut 20% der sonst üblichen Regenmenge, und der Mai scheint auf ein ähnliches Niveau hinzusteuern.

Ausbleibende Niederschläge sind gerade in den Frühjahrsmonaten problematisch, da die Vegetation für den Blattaustrieb ausreichend Feuchtigkeit benötigt.

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Abbildung 1: Niederschlagsbilanz in den ersten fünf Monaten des Jahres 2020 (Mai = Prognose)
Abbildung 1: Niederschlagsbilanz in den ersten fünf Monaten des Jahres 2020 (Mai = Prognose)

Erläuterungen: Dargestellt sind hier nicht die Absolutwerte der Niederschläge, sondern die relativen Abweichungen zum langjährigen Mittelwert. Werte oberhalb der Nulllinie bedeuten einen Regenüberschuss (blaue Säulen), Werte unterhalb der Nulllinie ein Niederschlagsdefizit (ockerfarbene Säulen). Fehlende Säulen, wie im März, erklären sich duch eine ausgeglichene Regenbilanz (weder Überschuss, noch Defizit).

 

Alle Abbildungen basieren auf einer Auswertung der Daten der Klimastation Düsseldorf (Deutscher Wetterdienst / DWD). Referenzperiode ist 1971 bis 2010 (zur Erklärung: Die Referenzperiode kennzeichnet den Zeitraum, der für die Ermittlung des Klimamittels herangezogen wurde).

 

Die Trockenheit im Frühjahr 2020 ist umso gravierender, da die letzten beiden Jahre bekanntermaßen längere Dürreperioden mit sich brachten. Abbildung 2 zeigt das Ausmaß dieser Vorgeschichte. Zu sehen ist dort die kumulierte Regenbilanz seit Anfang 2018. 'Kumuliert' bedeutet, dass die (positive oder negative) Abweichung der täglichen Niederschläge vom langjährigen Mittelwert sukzessive (also nach und nach) aufaddiert wurde. Deutlich sind die Dürreperioden der vergangenen Jahre abzulesen - einmal von Juli bis November 2018 (a) sowie von April bis August 2019 (b). Des Weiteren ist zu sehen, dass die Regenfälle im Februar 2020, so massiv sie auch waren, zu einer leider nur geringen Entspannung führten (c). Überdies wurde der Überschuss durch die darauf folgenden Trockenmonate gleich wieder aufgezehrt (d).

 

Fazit: Das Regendefizit der letzten 2,5 Jahre hat sich im Westen Deutschlands auf mittlerweile 350 Liter pro Quadratmeter aufgeschaukelt. Das entspricht knapp der halben Niederschlagsmenge eines ganzen Jahres. Man möchte sich nicht vorstellen, was passiert, wenn ein weiterer Trockensommer folgt.

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Abbildung 2: Niederschlagsbilanz seit 2018 (y-Achse in Liter pro Quadratmeter | Mai 2020 = Prognose)
Abbildung 2: Niederschlagsbilanz seit 2018 (y-Achse in Liter pro Quadratmeter | Mai 2020 = Prognose)

Erläuterungen: Im Gegensatz zu Abbildung 2 sind hier die absoluten Regenmengen dargestellt (Liter pro Quadratmeter) - auch wieder als Abweichung vom Klimamittel. Basiseinheit sind die Regensummen pro Dekade, d.h. in Zeiträumen von jeweils 10 Tagen. Absinkende Kurvensegmente indizieren ein Regendefizit, ansteigende Kurvensegmente einen Regenüberschuss.

 

Wie bereits angedeutet, markierte das Jahr 2018 nicht den Beginn der Trockenzeit. Auch 2016 und 2013 brachten Niederschlagsdefizite von -20% (Abbildung 3). In fünf weiteren Jahren fielen jeweils nur 95% der sonst üblichen Regenmengen. Um den letzten zu nassen Zyklus zu erreichen, muss man bis ins Jahr 2009 zurückgehen. Das heißt: Die Dürrejahre 2018 und 2019 waren keine Ausreißer, sondern der vorläufige Höhepunkt einer mittlerweile zehn Jahre andauernden Trockenphase.

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Abb. 3: Niederschlagsbilanz in den Jahren 2000 bis 2019
Abb. 3: Niederschlagsbilanz in den Jahren 2000 bis 2019

Erläuterungen: wie Abbildung 1

Die Daten zeigen eine insgesamt besorgniserregende Entwicklung. Als eine Ursache der zunehmenden Extremwetter-Ereignisse wird die Verlangsamung der wetterlenkenden Höhenströmung (Jet-Stream) angesehen. Da die Strömung das Zugverhalten von Hoch- und Tiefdruckgbebieten steuert, verharren diese länger an einem Ort. In der Folge nimmt die Wahrscheinlichkeit für ausgeprägte Dürren zu wie auch die Intensität von Regenfällen.

Die Veränderung der Niederschlagsverteilung wirkt sich negativ auf alle Lebensräume der Erde aus, weil jedes Ökosystem, jede Tier- und Pfanzenart letztlich von der Verfügbarkeit von Wasser abhängt. In den Dürrejahren 2018 und 2019 verschwanden in Duisburg beispielsweise viele Kleingewässer, und selbst Bäche fielen monatelang trocken. Aber auch der Wald leidet, wird anfälliger gegenüber Schädlingen oder Pilzerkrankungen und kann Stürmen aufgrund des Trockenstresses nicht mehr in gewohnter Weise widerstehen. Dies alles sind Folgeerscheinungen des menschengemachten Klimawandels.

 

Der Einfluss einzelner Kommunen auf klimasteuernde Faktoren, wie z.B. den Ausstoß von Kohlendioxid, ist natürlich begrenzt. Das sollte jedoch kein Grund sein, die Hände in den Schoß zu legen. Die Gesamtwirkung CO2-senkender Maßnahmen ist immer die Summe der Wirkungen aller Einzelmaßnahmen. So hat auch eine Stadt wie Duisburg ihren Beitrag zu leisten.

Hinzu kommt, dass die negativen Auswirkungen von Klimaveränderungen nur auf lokaler Ebene bekämpft werden können. Beispielhaft zu nennen wären hier Maßnahmen gegen Dürreerscheinungen bzw. Starkregenereignisse sowie die Verringerung der Hitzebelastung durch das Pflanzen von Bäumen (Beschattung) oder die Schaffung von Wasserflächen (Kühleffekt). Was Duisburg in diesem Bereich plant, soll im nächsten Beitrag behandelt werden.

 

Abschließend wollen wir den Kreis schließen und zu der Schlagzeile zurückkehren, die Anlass war, obigen Beitrag zu verfassen. So reißerisch die Aussage des städtischen Försters klingen mag, so wichtig ist sie, um allen die Augen zu öffnen. Die Folgen des Klimawandels werden uns empfindlich treffen. Den Hitzetagen können wir vielleicht noch entgehen - auch wenn der massive Betrieb von Klimaanlagen das Problem langfristig noch verschärfen wird. Fehlendes Wasser aber lässt sich nicht herbeizaubern.

Hier nun der ganze Artikel.

 

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